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a. Disziplinäre Machtausübung

Foucault beobachtet zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert eine Transformation der Machtformen. Die souveräne Macht, die sich auf Strafen, Verboten und Gesetzen gestützt hat, wird von der Disziplinarmacht verdrängt. Foucault versteht unter dem Begriff der Disziplin diese „Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen”1. Das zentrale foucaultsche Werk zum Thema der Disziplinargesellschaft ist „Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses”. Trotz des Titels will Foucault durch seinen Werk keine historische Studie über das Gefängnissystem vorlegen, sondern vielmehr beabsichtigt er „eine Geschichte der Gegenwart zu schreiben”. Foucault geht es mehr um die Entstehung der „Disziplinartechnologie” als um die Geburt des Gefängnisses an sich2 . Ihn interessiert das Strafverfahren und die Techniken „der Überwachung, Kontrolle, der Identifizierung der Individuen, der Parzellierung ihrer Gesten, ihrer Tätigkeit, ihrer Leistung”3. Das Gefängnis ist ein grundsätzliches Beispiel für die neu formierende Disziplinargesellschaft, weil sein Grundmechanismus offenbart, was in der Gesellschaft selbst praktiziert wird. Foucault behauptet dabei nicht, dass es vorher keine Formen der Disziplinierung gegeben hat; diese waren schon in den Klöstern, in der Armee, in der Schule, in Spitälern und Jesuitenkollegs vorhanden4. Er stellt aber vielmehr fest, dass die Disziplin sich nun in vielfältige gesellschaftliche Bereiche ausdehnt und in ihrer Form und Anwendung intensiviert. In der gesamten Gesellschaft etablieren sich Disziplinarprozeduren, die in verschiedensten Institutionen in spezifischer Weise umgesetzt werden. Der foucaultschen Begriff der Disziplinargesellschaft beruht also auf der These, dass „im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts (…) die Disziplinen zu allgemeinen Herrschaftsformen geworden”5 sind .
Dabei kommt es zu einer Intensivierung der Disziplinierungstechniken. Die Disziplin besetzt andere Machtformen, indem sie die modifiziert, verfeinert und erweitert, es entsteht ein Netz unscheinbarer und minutiöser Techniken, eine von Foucault genannte „Mikrophysik der Macht”6, die den Körper besetzen. Der Körper wird zum „Gegenstand höchster komplexer Manipulation und Konditionierung”7 gemacht, er wird analysiert, in seine Bestandteile zergliedert und durch Übung und Training „gelehrig gemacht”8. Diese „politische Anatomie” bringt ein Wissen über den Körper hervor und erlaubt der Disziplin im Gegensatz zu souveränen Formen der Machtausübung, “daß sie auf ein so kostspieliges und gewaltsames Verhältnis verzichtet und dabei mindestens ebenso beachtliche Nützlichkeitseffekte erzielt”, sprich Menschen zu produktiven Leistungen anhält.9 Körperübung, Dressur des Verhaltens, optimale Zeiteinteilung und Standardisierung der Bewegungen als Techniken der Disziplin wirken nicht unterdrückend, sondern produktiv, sie züchten ein neues Menschenverhalten. Disziplin ist eine Machtform, die aus Individuen Subjekte macht10. Die Etablierung und Ausweitung disziplinärer Institutionen wie u.a. die Schule, die psychiatrischen Anstalten, die Fabrik ist jedoch nur ein Teil der These von Foucault. Was er vielmehr beobachtet ist der Prozess einer Art Selbstdisziplinierung, die nicht mehr von Außen sondern auch von Innen wirkt. Die moderne Macht befindet sich in den Köpfen und Körpern der “freien” disziplinierten Individuen11. Die Individuen werden schon ab dem Kindergarten diszipliniert; alle diese Disziplinierungsmeschanismen gehen so tief bis zur Fremdbestimmung der Seelen. Für Foucault „die Seele existiert, sie hat eine Wirklichkeit, sie wird ständig produziert – um den Körper, am Körper, im Körper –(…)”(ÜuS 1994 S.41f.) Die Seele wird aus den Disziplinierungsprozeduren geboren und bewohnt als Parasit die Individuen, sodass der Mensch selbst ein „Resultat der Unterwerfung”und seine Existenz selber „ein Stück der Herrschaft”(ebd.) ist. Deswegen charakterisiert letztlich Foucault die Seele als „Gefängnis des Körpers”12(ebd.)

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Den juristischen Regeln der souveränen Macht kommen die „natürlichen Regeln” des Diskurs der Disziplinen hinzu. Das Normale als Zwangsprinzip tritt seit dem 18. Jahrhundert zu den anderen Machtformen hinzu und löst die Macht des Gesetzes ab, oder besser Normalisierungsverfahren „kolonisieren”13 die Gesetzesverfahren.Das Gesetz wurde von der Norm nicht abgeschafft, sondern „sie hat es nur entleert und ihren Plänen nach eingerichtet, zweckdienlich für ihre stets rechnende und verwaltende Immanenz gestaltet.”14
Heutzutage „ ist an die Stelle des der Macht verbundenen Diskurses ein normalisierender Diskurs getreten: der der Humanwissenschaften”15. Die Ausbreitung der Humanwissenschaften, sollte das wissenschaftliche Wissen über die Seele, das Individuum und die Gesellschaft herstellen. Durch das von der Medizin, Pädagogik und Psychologie erzeugte klinische Wissen und dessen Einbeziehung in die juridische Praxis wird der Körper in einer neuen Art und Weise von den Machtverhältnissen besetzt. Menschen werden hierarchisiert, klassifiziert und qualifiziert durch Überwachung und Kontrolle anhand von wissenschaftlich-diagnostischen Grenzwerten16 Dieses Wissen entsteht und besteht nicht in einem neutralen Wissenschaftsraum. Macht und Wissen bedingen sich gegenseitig und bringen einander hervor. Subjektbildung ist nach Foucaults Vorstellung die Kehrseite der diskursiven Bildung von Wissen. Macht lebt in Wissensdispositiven, und so formt Macht letztlich auch das Subjekt. Foucault beschreibt diesen Wissenerzeugungssprozess als eine „Gesinnungswandelmaschine” zur „Kontrolle und Umformung des Verhaltens”17

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a. (2019, May 05). Retrieved January 23, 2021, from https://midwestcri.org/a-3/

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